10. Januar 2013

Einen verdienten Linken der Vergessenheit entrissen!

Der Buchautor Holger Czitrich-Stahl liest aus seinem Buch. Moderator Peter Hertzfeldt fragt anschließend nach und moderiert die Diskussion.

Ein gutes Dutzend sehr interessierter Besucher traf sich am 10. Januar 2013 in der Kreisgeschäftsstelle der Linken, um mehr über Arthur Stadthagen zu erfahren: den Reichstagsabgeordneten der SPD für Niederbarnim, der dieses Mandat von 1890 bis 1917 innehatte, von mehr als 70 % der Wähler nominiert, oft auch bei uns unterwegs in Birkenwerder und Oranienburg. Woher vor über 100 Jahren so viel Zustimmung? Der Buchautor Holger Czitrich-Stahl und Moderator Peter Hertzfeldt führten in über zwei Stunden lebendig vor, was diesen Mann aus bürgerlichem, jüdischem Elternhaus, ausgebildet als Jurist und bis 1897 einziger Jurist in der SPD-Reichstagsfraktion, antrieb, sein Leben den Rechten der Arbeiterklasse zu widmen. Dazu in einer Zeit, als das Erstarken der Arbeiterbewegung von Bismarck mit dem Sozialistengesetz beantwortet wurde, mit Versammlungs- und Organisationsverbot, mit Verhaftungen, mit bis dahin ungekannten Repressionen. Stadthagen setzte sich alldem mutig entgegen, auch Inhaftierung aushaltend, wurde zum Anwalt der Armen und Rechtslehrer der Arbeiterbewegung. Über 1000  Prozesse focht er für die Armen aus und half mit einem Ratgeber "Das Arbeiterrecht", der in zigtausenden Exemplaren verbreitet war, Wissen über Arbeitsrecht, Koalitions- und Streikrecht zu verbreiten und gab für jeden handhabbare Anleitung, sich zu wehren. Sein soziales Gewissen und sein Wirken quer durchs Land, immer unter den Wählern, brachten ihm viel Anerkennung. Als Redakteur des "Vorwärts" war er weithin bekannt und beliebt und eng verbunden mit vielen führenden Sozialdemokraten wie Luxemburg, Ledebour, Mehring. Auch an der Parteischule der SPD seit 1906 unterwies er Arbeiter in Rechtsfragen. Mit interessanten Texten unterstrich Holger Czitrich-Stahl diesen revolutionären Kampf und beantwortete Fragen der Zuhörer. Er verdeutlichte, auch dessen aktives Wirken gegen den ersten Weltkrieg, gegen die Bewilligung der Kriegskredite, auch wenn er sich zuerst der Fraktionsdisziplin beugte. Die rechten Sozialdemokraten um Scheidemann bekämpften ihn hart und schlossen ihn mit anderen aus. So wurde er einer der führenden Kräfte in der USPD. Leider hat den Lungenkranken die 1917 verbreitete spanische Grippe mitten aus dem Kampf hinweggerafft. Mit dem Buch über Stadthagen ist uns durch einen leidenschaftlichen Historiker eine wichtige Quelle für Kampfgeist und Kampfmethoden, für unbeugsames soziales Gewissen und Hingabe an eine gerechte Sache neu erschlossen worden. Beeindruckt von dieser gewaltigen Lebensleistung fragten die Zuhörer nach Straßennamen, die an den großartigen Mann erinnern. Es gibt sie kaum und das wäre ein Aufgabe für uns Heutige, das Gedenken zu sichern.

Holger Czitrich-Stahl: Arthur Stadthagen - Anwalt der Armen und Rechtslehrer der Arbeiterbewegung. Biographische Annäherungen an einen beinahe vergessenen sozialdemokratischen Juristen. Peter Lang, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-631-61636-9.